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Die grüne Hölle (2. Folge meiner Designkritik-Kolumne in der PAGE)

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Die grüne Hölle (2. Folge meiner Designkritik-Kolumne in der PAGE)

Autor: Johannes Erler / Kategorie: Allgemein / 14. Mai 2018

Designkritik ist in die Kritik geraten. Weil sie immer öfter in den sozialen Medien stattfindet, initiiert von Marketing-Blättern, die es schaffen, Designer zu animieren, die Arbeit von Kollegen mit schlecht recherchierten, emotionalen Schnellschüssen zu richten.

Ich habe das auch schon gemacht und schnell gemerkt, dass es eine Sackgasse ist. Es fehlt an Information, Zeit und Abstand und dient letztlich nur der eigenen Profilierung. Was dabei jedoch übersehen wird: das ohnehin schwer vermittelbare Thema Design schießt sich auf diese Weise ein weiteres Eigentor.

Dabei ist profunde Designkritik wichtig und interessant. Ich bin deshalb dankbar, dass die PAGE mir die Möglichkeit gibt, regelmäßig diese Kolumne zu schreiben. Ob es mir gelingt, sollen bitte andere beurteilen. Auf jeden Fall bemühe ich mich um Sachlichkeit – ohne die emotionale Seite, die immer eine Rolle spielt, wenn es um die Beurteilung von Design geht, zu vernachlässigen.

Die Kolumne heißt Hirn / Hand / Herz. »Hirn« meint dabei die nüchterne, rationale Betrachtung. »Hand« untersucht die handwerkliche Qualität. »Herz« steht für den emotionalen, persönlichen Eindruck. Viel Spaß mit der zweiten Folge!

Meine küchenpsychologische Retrotrend-Theorie geht so: Es ist immer der erste, richtige Kuss, so zwischen 14 und 16. Die Musik, die wir dabei hörten, die Klamotten, die wir trugen, und all die Dinge, die wir cool fanden, brennen sich auf ewig in unser Gedächtnis. Sie machen den sentimentalen Grundton, der unser restliches Leben bestimmt. Und wenn wir mit Mitte 40 endlich was zu melden haben, als Marketingdirektor, Radiomoderator oder schlechter Designer, drehen wir die Zeit zurück, und alles wird noch mal so schön wie vor 30 Jahren. Die größten Hits der 80er! Weißt du noch? So entstehen Retrotrends. Wie gesagt: Küchenpsychologie.

Wenn da aber tatsächlich was dran ist, stehen uns als Nächstes die 1990er ins Haus. Das ist keine gute Nachricht. Denn die waren ja bereits das erste voll ausgestattete Retrojahrzehnt. Und hatte bis dahin jede Dekade ihren eigenen Stil, so verquirlten die Neunziger munter alles, was irgendwann mal hip war. Auf diese Weise kamen die Spice Girls, Neonbatik oder Super RTL in die Welt, und spätestens jetzt sollte allen klar sein, was uns dräut: die Wiederholung der Wiederholung. Wir steuern auf eine fatale Design-Zeitschleife zu, und ausgerechnet die Fußballnationalmannschaft im WM-Jahr ist ihr erstes Opfer. Weil sie in Trikots spielen muss, die Franz Beckenbauer persönlich vom 1990er-Finale in Rom nach Moskau gebeamt zu haben scheint.

Hirn. Verkaufstaktisch ist so ein Retrotrend ein teuflisch guter Plan, weil er zwei Zielgruppen auf einmal abkassiert: die kaufstarken 45- bis 55-Jährigen, die sich wieder jung fühlen, sowie die echten Jungen, die nachmachen, was ihnen ihre an Millionenverträge gebundenen Idole einzuflüstern haben. Bei adidas heißt diese clevere Strategie offiziell »from authenticity to progression«, was frei mit »Zurück in die Zukunft« übersetzt werden kann und vor allem kühle Kalkulation ist. Das »Handelsblatt« rechnet vor, wie aus einem Stück Polyester, das in der Herstellung unter 9 Euro kostet, ein »Kulttrikot« für knapp 90 Euro wird. Mögliche Umsätze: über 250 Millionen Euro allein für das deutsche Leibchen. Nur: Mit Design, dem Top-Verkaufsargument, hat das erst einmal nichts zu tun.

Hand. Die unleserliche Typografie hat Erik Spiekermann zu Recht in zwei Worten gerichtet. Er meint, sie sei »eckige Scheiße« (und begründet es: https:// is.gd/Trikots18 ). Der Deutsche Fußball-Bund verweist hierzu auf die anderen 23 Nationen in adidas, die nicht gemeckert hätten. Das sind schlechte Neuigkeiten für das typografische Handwerk.

Noch interessanter finde ich, mit welcher Dreistigkeit dieses Trikot alle bewährten Kompositionsregeln aushebelt, 80er-Farbe, 90er-Print und 00er- Pixelschrift krude vermixt, und, weil es ja sein muss, noch ein paar Trademarks mittig draufklatscht. Wäre dieses Shirt ein Hotelzimmer, wir wären schlaflos. Warum aber geht das auf einem Fußballtrikot? Nichts passt in dieser eklektischen Designhölle zusammen. Und was auf dem Astralleib eines Toni Kroos noch sitzt, das entstellt jede Mittelalter-Plauze und jeden dürren Teeniekörper. Handwerklich ist das »Designismus « – Gestaltung also, die behauptet, Design zu sein, es jedoch nicht ist.

Herz. Ich orakele jetzt mal: Viertelfinale, dann ist Schluss. Der Druck ist zu groß. Nicht weil die Mannschaft nicht könnte, sondern weil sie auf den Schultern von gleich zwei Riesen steht: dem Weltmeistertitel von 2014 und nun auch noch – per Trikot – dem von 1990. Und immer, wenn es bei der WM nicht läuft, wird Lothar Matthäus leibhaftig den Geist von Rom beschwören. Das Trikot als Menetekel und Loddar als Retrogott. Schlechte Voraussetzungen für die Titelverteidigung.

Sentimentalität ist kein guter Berater, wenn man nach vorne will. Das gilt für den Fußball (mein HSV hat vor lauter Traditionsgetöse längst die Zukunft verspielt). Das gilt aber auch im Design. Als Designerinnen und Designer sind wir nur gut, wenn wir die Zeichen der Zeit erkennen und in Gestaltung umsetzen. Der Blick zurück ist höchstens hilfreich, aber nie grundlegend.

Als Fußballfan wünsche ich Jogi Löw alles Gute. Beim Trikot hätte er sich wohl besser eingemischt. Küchenpsychologisch betrachtet.