Slice 1 Slice 1 Slice 1

Immobile first (3. Folge meiner Designkritik-Kolumne in der PAGE)

Foto:

Immobile first (3. Folge meiner Designkritik-Kolumne in der PAGE)

Autor: Johannes Erler / Kategorie: Allgemein / 9. Juni 2018

Designkritik ist in die Kritik geraten. Weil sie immer öfter in den sozialen Medien stattfindet, initiiert von Marketing-Blättern, die es schaffen, Designer zu animieren, die Arbeit von Kollegen mit schlecht recherchierten, emotionalen Schnellschüssen zu richten.

Ich habe das auch schon gemacht und schnell gemerkt, dass es eine Sackgasse ist. Es fehlt an Information, Zeit und Abstand und dient letztlich nur der eigenen Profilierung. Was dabei jedoch übersehen wird: das ohnehin schwer vermittelbare Thema Design schießt sich auf diese Weise ein weiteres Eigentor.

Dabei ist profunde Designkritik wichtig und interessant. Ich bin deshalb dankbar, dass die PAGE mir die Möglichkeit gibt, regelmäßig diese Kolumne zu schreiben. Ob es mir gelingt, sollen bitte andere beurteilen. Auf jeden Fall bemühe ich mich um Sachlichkeit – ohne die emotionale Seite, die immer eine Rolle spielt, wenn es um die Beurteilung von Design geht, zu vernachlässigen.

Die Kolumne heißt Hirn / Hand / Herz. »Hirn« meint dabei die nüchterne, rationale Betrachtung. »Hand« untersucht die handwerkliche Qualität. »Herz« steht für den emotionalen, persönlichen Eindruck. Viel Spaß mit der dritten Folge!

Designpreise sind auch deshalb wichtig, weil sie Vergangenes noch einmal aufs Podest heben. »4,18 x 3,10 Meter« ist so eine Arbeit – und wurde jüngst vom Art Directors Club zu Recht mit einem Grand Prix belohnt. Ein guter Grund, sie hier zu besprechen, auch wenn die Veröffentlichung schon einige Monate zurückliegt.

»4,18 x 3,10 Meter« erschien am 9. Dezember 2017 als Spezialausgabe der »WELT«. Zu diesem Zeitpunkt saß der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel bereits 300 Tage ohne Anklage im türkischen Hochsicherheitsgefängnis Silivri. Um auf die bedrücken- de Enge seines Lebens in Gefangenschaft aufmerksam zu machen, druckte die »WELT« den Grundriss von Deniz Yücels Zelle im Maßstab 1 : 1, also 4,18 mal 3,10 Meter, verteilt auf 32 Einzelseiten der Zeitung und wie ein Puzzle zusammenlegbar.

Es funktionierte: Wer sich die Mühe machte, Blatt für Blatt auszubreiten, erlebte leibhaftig, was Worte schwer beschreiben können. »4,18 x 3,10 Meter« ist eine beeindruckende, meditative Erfahrung und eine buchstäbliche Vergrößerung des journalistischen Spektrums in einer Zeit, die das kleine Smartphonedisplay zum medialen Maßstab verklärt. Zeit, sich mit dem Verschwinden der großen Formate zu beschäftigen – und damit, wie der mobile, beiläufige Medienkonsum auf dem Handy die Intensität unserer Wahrnehmung verflachen könnte.

Hirn. »WELT«-Chefredakteur Ulf Poschardt nannte die Idee zu »4,18 x 3,10 Meter« eine »gut überlegte Verzweiflungstat«. Es ging ihm und seinen Mitstreitern für die Freiheit Yücels darum, Impulse zu setzen. Und was noch mehr Worte kaum leisten konnten, funktionierte genial einfach über Design.

Die »WELT« setzte ihr häufig als unhandlich gescholtenes Format ein, um begreifbar zu machen, was Winzigkeit ist – und schuf damit situative Empathie, die erst durch die Einlassung auf das riesige Format möglich wird und die das winzige Smartphone wohl niemals hätte erreichen können.

Umgekehrt wird mir bewusst, wie mein mediales Smartphone- Leben von wachsender Beiläufigkeit geprägt ist. Selten lese ich Zeitungsartikel bis zum Ende, Songtitel kann ich mir kaum noch merken, Serien schaue ich in Viertelstundenhäppchen am Flugzeug-Gate. Alles geht. Alles ist irgendwie auch praktisch. Aber hängen bleibt wenig.

Gänzlich anders ist es, wenn ich mich den alten, mutmaßlich anachronistischen Formaten stelle. Die sperrige Größe einer »ZEIT« oder »WELT« zwingt mich in eine entspannte, konzentrierte Lesehaltung. Die umständliche Schallplatte bindet mich an den Ort der Stereoanlage – und dort höre ich dann auch zu, oft mit dem Cover in der Hand. Überdeutlich wird es im Kino: Der dunkle Raum und das riesige Leinwandformat führen zu einer beeindruckenden Singularität der Wahrnehmung.

Ich bin kein Digitalhasser und bestimmt kein Retrojünger. Ich schätze mein Smartphone und seine Optionen. Ich sehe jedoch in der Wiederentdeckung der großen Formate eine Alternative. Und vielleicht ist das Ende der Doktrin vom »Mobile First«, von »kleiner-schneller-heftiger« längst erreicht – nicht zuletzt der nervenden Wahrnehmungsdeformationen wegen: Die klirrenden MP3-Abmischungen, die grellen Instagram-Filter oder der Bullet-Point-Journalismus von News-Sites wirken wie digitales Glutamat, weil das kleine Display ständig um Aufmerksamkeit buhlen muss. »4,18 x 3,10 Meter« geht den umgekehrten Weg. Es ist eine raffinierte Form von Vergrößerung, Verlangsamung und Kontemplation. Und fühlt sich an wie das echte Leben.

Hand. Eine handgezeichnete Skizze von Deniz Yücel im Maßstab 1 : 20 war Vorlage für den piktogrammhaften Grundriss der Gefängniszelle im Originalformat. Um alle 32 Puzzleteile autonom auslegbar zu machen, musste der Umfang der »WELT«-Ausgabe fast verdoppelt werden – was auch eine mutige ökonomische Entscheidung war.

Herz. »Es gab sehr viele positive Reaktionen«, sagt Ulf Poschardt, »das Ergreifendste jedoch war die Freude von Deniz und Dilek, seiner Frau, nach der Veröffentlichung von ›4,18 x 3,10 Metern‹. Darum ging’s!« Genau. Darum geht’s. Reale Formate erzeugen reale Emotionen. Wir Designer sollten sie uns zurückerobern.

Deniz Yücels Leben auf 4,18 x 3,10 Metern
Zeitung: DIE WELT
Chefredaktion: Dr. Ulf Poschardt
Skizze: Deniz Yücel
Artdirektion: Juliane Schwarzenberger, Katja Fischer
CvD: Patricia Plate